Vielleicht sind nicht unsere Kinder das Problem. Vielleicht sind wir es.
- Anna Faddoul
- 6. Juli
- 4 Min. Lesezeit

Wir reden viel über die Kinder von heute.
Sie seien respektlos. Rücksichtslos. Laut. Fordernd. Grenzenlos. Sie könnten kein Nein akzeptieren, hätten keine Geduld und glaubten, die ganze Welt müsse sich um ihre Bedürfnisse drehen.
Aber vielleicht sollten wir endlich aufhören, ständig mit dem Finger auf unsere Kinder zu zeigen.
Vielleicht sollten wir anfangen, uns die Erwachsenen anzusehen, die diese Kinder großziehen.
Ich hatte gestern eine Situation, die für sich genommen vielleicht banal erscheinen mag. Für mich steht sie jedoch sinnbildlich für eine Entwicklung, die ich seit Jahren beobachte.
Ein Mann spielte mit seinem Kind in unserem privaten Garten.
Er fragte mich, ob das Gelände öffentlich oder privat sei.
Ich antwortete: „Das ist privat.“
Seine Reaktion: „Ach so, okay.“
Und er spielte einfach weiter.
Ich erklärte ihm freundlich, dass es sich um ein Privatgrundstück handelt und bat ihn, das Gelände zu verlassen, wenn er kein Gast des Hauses sei.
Seine Antwort?
„Nur noch 15 Minuten.“
Ich war sprachlos.
Nicht, weil dort ein Kind spielte. Nicht, weil mich Kinder stören. Ganz im Gegenteil.
Sondern weil ein erwachsener Mensch gerade erfahren hatte, dass er sich auf einem fremden Privatgrundstück befindet, von der Eigentümerin ausdrücklich gebeten wurde zu gehen – und daraufhin selbst entschied, dass diese Grenze für ihn nicht gilt.
Zehn Minuten später war er immer noch da.
Ich bat ihn erneut zu gehen.
„Das ist doch nur ein Kind“, war seine Antwort.
Dann: „Noch zwei Minuten.“
Später diskutierte er auch noch mit meinem Mann.
Und genau das ist der Punkt.
Wir leben zunehmend in einer Gesellschaft, in der Grenzen offenbar nur noch dann gelten, wenn sie uns persönlich gefallen.
Ein Nein wird nicht mehr akzeptiert.
Ein „Bitte gehen Sie“ wird zur Einladung zur Diskussion.
Die Bedürfnisse anderer Menschen werden gegen die eigenen Wünsche abgewogen – und erstaunlicherweise gewinnt dabei sehr häufig das eigene Bedürfnis.
Ich will aber noch weitergehen.
Direkt gegenüber von uns befindet sich ein Ferienhaus. Gerade in der Ferienzeit wechseln die Gäste teilweise alle paar Tage. Immer wieder gibt es dort Partygesellschaften.
Laute Musik. Singen. Grölen. Rufen.
Gestern bis drei Uhr nachts.
Wir leben nicht neben einer einsamen Berghütte. Nicht neben einer Partyalm. Nicht mitten im Wald.
Wir leben in einer Wohnsiedlung.
Rechts Häuser. Links Häuser. Gegenüber Häuser. Familien. Kinder. Berufstätige. Menschen, die hier ihr Zuhause haben.
Bei sommerlicher Hitze stehen nachts die Fenster offen. Menschen versuchen zu schlafen. Vielleicht muss jemand um fünf Uhr zur Arbeit. Vielleicht hat jemand gerade sein Baby beruhigt. Vielleicht liegt ein Kind mit Fieber im Bett. Vielleicht pflegt jemand einen Angehörigen. Vielleicht ist jemand einfach erschöpft und möchte schlafen.
Eigentlich müsste man all das gar nicht wissen.
Es müsste reichen, zu wissen:
Ich bin nicht allein auf dieser Welt.
Wann ist uns dieses Bewusstsein verloren gegangen?
Wann wurde aus Freiheit die Vorstellung, jederzeit alles tun zu dürfen, was man gerade möchte?
Wann wurde Rücksichtnahme zur Zumutung?
Wann wurde Respekt vor den Grenzen anderer Menschen verhandelbar?
Und dann schauen wir auf unsere Kinder und fragen uns, was mit dieser Generation nicht stimmt.
Wirklich?
Was sollen Kinder denn lernen, wenn Erwachsene ein Nein nicht akzeptieren?
Was sollen sie lernen, wenn Erwachsene Regeln nur dann beachten, wenn sie ihnen gerade passen?
Was sollen sie über Rücksichtnahme lernen, wenn Erwachsene nachts um drei Uhr in einer Wohnsiedlung grölen und sich offensichtlich keine Sekunde fragen, ob um sie herum andere Menschen schlafen möchten?
Was sollen Kinder über Selbstregulation lernen, wenn Erwachsene selbst nicht in der Lage sind, ihre Lautstärke, ihre Wut, ihre Impulse und ihre Bedürfnisse zu regulieren?
Was sollen sie über einen respektvollen Umgang lernen, wenn Erwachsene sich in der Öffentlichkeit beleidigen, beschimpfen und jede Meinungsverschiedenheit zum persönlichen Krieg erklären?
Kinder lernen nicht hauptsächlich durch das, was wir ihnen erzählen.
Sie lernen durch das, was wir ihnen vorleben.
Und vielleicht ist genau das unsere unangenehmste Wahrheit.
Wir können nicht von Kindern Respekt verlangen und ihnen gleichzeitig vorleben, dass die Grenzen anderer Menschen bedeutungslos sind.
Wir können ihnen nicht Achtsamkeit predigen und selbst rücksichtslos durch die Welt gehen.
Wir können ihnen nicht erklären, dass ein Nein ein Nein ist, während wir selbst jedes Nein verhandeln, diskutieren und ignorieren.
Wir können nicht erwarten, dass Kinder empathisch werden, wenn wir ihnen eine emotional abgestumpfte Gesellschaft vorleben.
Und ja, ich finde, wir müssen auch darüber sprechen, welchen Stellenwert Kinder in unserer Gesellschaft überhaupt noch haben.
Wir beklagen Kinderlärm. Wir rollen mit den Augen, wenn Kinder im Restaurant lachen oder unruhig werden. Familien sollen funktionieren, aber bitte möglichst geräuschlos und unsichtbar.
Manchmal entsteht der Eindruck, ein Haustier sei an manchen Orten selbstverständlicher willkommen als ein Kind.
Das Problem ist dabei nicht das Tier.
Das Problem ist die Frage, was diese Entwicklung über unser Verhältnis zum Menschen aussagt.
Zu Familien.
Zu Kindern.
Zum Alter.
Zu Schwäche.
Zu Bedürfnissen, die nicht unsere eigenen sind.
Vielleicht sind wir als Gesellschaft an manchen Stellen emotional abgestumpft.
Vielleicht haben wir uns so sehr an die Idee der Selbstverwirklichung gewöhnt, dass wir vergessen haben, dass Freiheit immer dort eine Grenze findet, wo wir dauerhaft in die Freiheit anderer Menschen eingreifen.
Vielleicht haben wir Achtsamkeit zu einem Lifestyle-Produkt gemacht.
Wir meditieren.
Wir machen Yoga.
Wir sprechen über Selbstliebe, Grenzen und persönliche Entwicklung.
Aber echte Achtsamkeit zeigt sich nicht auf der Yogamatte.
Sie zeigt sich um zwei Uhr nachts, wenn ich mich frage, ob meine Musik vielleicht gerade zehn andere Menschen wach hält.
Sie zeigt sich, wenn mir jemand sagt: „Das ist mein Privatgrundstück. Bitte gehen Sie.“
Sie zeigt sich darin, wie ich mit einer Verkäuferin spreche, mit einem Kellner, mit einem Nachbarn, mit einem Kind, mit einem alten Menschen oder mit jemandem, der eine andere Meinung hat als ich.
Achtsamkeit ist nicht, sich selbst ständig zu spüren.
Achtsamkeit bedeutet auch, die anderen noch wahrzunehmen.
Und vielleicht liegt genau dort eines unserer größten gesellschaftlichen Probleme:
Wir nehmen uns selbst immer wichtiger – und einander immer weniger wahr.
Deshalb sollten wir vielleicht aufhören, ständig über die „Kinder von heute“ zu schimpfen.
Kinder beobachten uns.
Sie hören uns.
Sie erleben, wie wir miteinander sprechen.
Wie wir Grenzen respektieren.
Wie wir mit einem Nein umgehen.
Wie wir uns im Straßenverkehr verhalten.
Wie wir über andere Menschen reden.
Wie wir mit Schwächeren umgehen.
Wie wir uns benehmen, wenn wir glauben, dass uns gerade niemand zur Verantwortung zieht.
Und aus all dem lernen sie.
Vielleicht brauchen unsere Kinder deshalb nicht noch mehr Erwachsene, die ihnen erklären, was Respekt bedeutet.
Vielleicht brauchen sie Erwachsene, die ihn vorleben.
Denn bevor wir uns fragen, was aus unseren Kindern geworden ist, sollten wir uns eine viel unbequemere Frage stellen:
Was für Erwachsene sind wir eigentlich geworden?
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