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Freude oder Flucht?

  • Autorenbild: Anna Faddoul
    Anna Faddoul
  • 11. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

Ich stand im Karnevalsladen.

Menschen standen Schlange.

Hunderte Euro für Kostüme.


So viel Vorfreude.

So viel Energie.


Und ich habe mich gefragt:


Was kaufen wir da eigentlich?


Ein Kleid?

Eine Maske?

Oder für ein paar Tage die Erlaubnis, jemand anderes zu sein?


Ein Wochenende Ausnahmezustand


Ein Wochenende Gemeinschaft.

Freundschaft.

Ausgelassenheit.

Sorglosigkeit.

Nähe.


Und es funktioniert. Wie auf Knopfdruck.


Plötzlich können wir lachen.

Tanzen.

Uns umarmen.

Locker sein.


Menschen, die sich sonst kaum anschauen, liegen sich in den Armen.

Fremde werden vertraut.

Zurückhaltende werden laut.

Strenge werden weich.


Es ist, als würde eine kollektive Erlaubnis durch die Straßen ziehen:

Heute darfst du.


Heute darfst du laut sein.

Heute darfst du wild sein.

Heute darfst du fühlen.


Und ich frage mich:

Warum nur heute?


Es geht nicht nur um Freude


Vielleicht geht es gar nicht in erster Linie um Freude.

Vielleicht geht es um ein Bedürfnis.


Ein Bedürfnis, das im Alltag keinen Raum bekommt.


Das Bedürfnis, gesehen zu werden.

Begehrenswert zu sein.

Interessant zu wirken.

Mutiger zu erscheinen, als man sich sonst fühlt.


Vielleicht fühlst du dich offener, weil plötzlich alle offener sind.

Vielleicht traust du dich, weil andere sich auch trauen.

Vielleicht fühlst du Nähe, die dir sonst fehlt.


Oder du kannst für ein paar Stunden ausblenden,

wie sich dein echtes Leben gerade anfühlt.


Vielleicht stillt dieses Wochenende etwas,

das im Alltag hungrig bleibt.



Warum braucht es ein Kostüm,

eine Rolle,

Alkohol,

eine kollektive Zustimmung,

um sich ein paar Stunden lebendig zu fühlen?


Warum trauen wir uns Leichtigkeit oft nur im Schutz der Masse oder mithilfe von Alkohol?


Vielleicht, weil wir gelernt haben zu funktionieren.

Weil wir stark sein müssen.

Weil wir leisten müssen.

Weil wir uns zusammenreißen müssen.


Und dann kommt dieses eine Wochenende.

Und plötzlich dürfen wir alles loslassen.


Aber wenn Freiheit nur im Ausnahmezustand existiert – ist sie dann wirklich Freiheit?


Gerade jetzt spüren viele etwas.


Der Nebel lichtet sich.

Alte Sicherheiten bröckeln.

Gewohnte Strukturen tragen nicht mehr wie früher.


Zwischen dem, was war, und dem, was kommt, entsteht ein Korridor.

Ein Zwischenraum.


Und in diesem Raum fühlen viele:


Leere.

Enttäuschung.

Machtlosigkeit.

Orientierungslosigkeit.


Genau da ist Betäubung verlockend.


Nicht nur durch Alkohol.

Auch durch Dauerbeschäftigung.

Durch Entertainment.

Durch die nächste Party.

Durch das nächste Hoch.


Ich bin nicht gegen Feiern.

Ich liebe echte Freude.

Ich liebe Gemeinschaft.

Ich liebe gute Musik, Tanz, positive Energie.


Aber ich frage mich:

Ist es echte Freude– oder ist es Flucht vor dem, was im Alltag nicht erfüllt?



Was sagt es über unsere Prioritäten,

wenn wir bereit sind, viel Geld für ein Wochenende auszugeben,

aber zögern, in unsere Gesundheit zu investieren?


Oder in einen Alltag, der dich glücklich macht.


Warum ist das Kostüm leicht bezahlt –

aber innere Freiheit, Veränderung erscheint „zu teuer“?


Warum investieren wir selbstverständlich in äußere Rollen,

aber so zögerlich in unsere Stabilität, Klarheit und Selbstverbindung?


Vielleicht, weil äußere Freude sofort wirkt.

Innere Arbeit fordert Mut.

Sie fordert Ehrlichkeit.

Sie fordert, hinzusehen.


Und das ist unbequemer als Konfetti.


Ich verurteile niemanden – und doch sehe ich es klar


Ich glaube, viele Menschen wählen ein bestimmtes Bewusstsein.


Ein Bewusstsein, das für ein Wochenende Freiheit erlaubt.

Ein Bewusstsein, das für ein paar Tage Leichtigkeit freischaltet.

Ein Bewusstsein, das sich im Ausnahmezustand mutig fühlt.


Und das ist eine Wahl.


Aber für mich ist Freude nichts, was ich anziehe und Montag wieder ablege.

Für mich ist Bewusstsein kein Kostüm.


Ich möchte so leben, dass ich nicht fliehen muss, um mich lebendig zu fühlen.

Dass ich nicht betäubt sein muss, um zu lachen oder selbstbewusst zu sein.

Dass ich nicht die Masse brauche, um mich zu trauen.


Ich möchte morgens frei sein.

Im Alltag frei sein.


Nicht perfekt.

Nicht ständig euphorisch.


Aber echt.



Vielleicht geht es nicht darum, weniger zu feiern.

Oder keine Partys mehr zu besuchen.


Vielleicht geht es darum, das Bedürfnis dahinter ernst zu nehmen.


Nicht weniger Freude.

Sondern echte Erfüllung.


Nicht weniger Gemeinschaft.

Sondern tiefe Verbindung.


Nicht weniger positive Energie.

Sondern Stabilität, die auch ohne Ausnahmezustand trägt.


Vielleicht geht es darum, so wahrhaftig zu leben,

dass wir keine Flucht mehr brauchen.


Dass wir Nähe erfahren – ohne Maske.

Dass wir begehrenswert sind – ohne Rolle.

Dass wir mutig sind – ohne Alkohol.

Dass wir lebendig sind – weil wir uns innerlich gut fühlen.



Die entscheidenden Fragen


Wenn ich nur im Ausnahmezustand frei bin –

bin ich dann wirklich frei? Was erwartet mich, wenn die Party vorbei ist? Wie tief ist das Loch danach?


Und wenn du verstehst, was ich meine, dann sehnst du dich wahrscheinlich auch nach mehr Echtheit, Wahrhaftigkeit und Freude in deinem Alltag.

 
 
 

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